Hintergrund

Neben dichten Metropolräumen ist Mitteleuropa geprägt von Siedlungsstrukturen mittlerer Dichte. Werden die Fragen nach der Transformation der Städte zu mehr Nachhaltigkeit derzeit in Europa häufig am Beispiel von Großstädten wie Berlin oder London, München oder Paris aufgeworfen, gilt es auch in diesen wachsenden Regionen außerhalb der Metropoloregionen knapper werdende Ressourcen effizient und gerecht zu verteilen. Auch hier, wo die traditionelle Vorstellung der kompakten europäischen Stadt nicht greift, müssen Siedlungswachstum, Wirtschaftsentwicklung und Nachhaltigkeit ein neues Gleichgewicht finden.

Besonders dringlich stellt sich die Frage in Regionen mit zahlreichen kleinen und mittleren Zentren wie Baden-Württemberg, dem Schweizer Mittelland, dem eng verknüpften Städtenetz Belgiens oder Norditaliens. Große Teile europäischer Bevölkerung und Wirtschaftskraft sitzt in diesen regionalen Flickenteppichen aus unterschiedlichen Nutzungen – in vorstädtischen Gebieten, entlang von Bahnstrecken und Autobahnen in Ketten kleiner und mittlerer Städte oder im Umland der Metropolen.

Neue Wohngebiete sind hier ebenso zu finden, wie Reste alter Dörfer, Landwirtschaft ebenso wie Niederlassungen global agierender Unternehmen. Ländlich ist dieser Raum nicht mehr – städtisch noch nicht. Er ist eine Art verstädterte Landschaft: urbanes Land. Die kleinteilige Nutzungsmischung dieser Regionen bietet Voraussetzungen für ergänzende Formen urbaner Entwicklung. Die Nähe und Überlagerung verschiedenster Funktionen von Siedlung, Industrie, Landwirtschaft, Energiegewinnung und Naturraum schafft eine operative Landschaft. Die Fragen nach zirkulärem Wirtschaften, emissionsarmer Lebensmittel- und Energieversorgung und kleinteiliger Produktion könnte hier in einem ergänzenden Modell zur dichten Stadt und ihrem Hinterland beantwortet werden. Die polyzentrische Struktur der Unternehmens- und Bildungslandschaften und die vielfältigen Charakteristika der Wohnumfelder führen zu komplexen Vernetzungsvorgängen zwischen den Städten, ihrem städtischen Umland und der ländlichen Peripherie. Dies stellt ein belastbares Netzwerk für weitere Entwicklungen dar; zeigt Potentiale für ergänzendes statt konkurrierendes Wachstum.

Gleichzeitig stehen häufig Nutzungskonflikte um die Ressource Boden, verhältnismäßig hohe CO2-Emissionen durch Pendlermobilität, Industrie und Gebäuden, sowie Konkurrenzen um den Erhalt und Ausbau der Wirtschaftskraft von Städten und Gemeinden einem Ausschöpfen der Potentiale im Weg.

In Europa steht viel Wissen bereit, um Urbanisierungsprozesse auch spezifisch in den Regionen mittlerer Dichte zu gestalten. Dies erfordert einen Übertrag erprobter Modelle auf den territorialen Kontext, die Vernetzung bestehenden Wissens der Regionen und Gemeinden untereinander und die Entwicklung neuer Modelle im Spannungsfeld von Forschung, Experiment und Bauleitplanung. Hochschulen können dazu neutrale Räume zur Verfügung stellen, in dem Wissen geteilt und kontroverse Interessen fachlich begleitet verhandelt werden können. Der Forschungsschwerpunkt urbanes.land unterstützt Planung und Politik auf kommunaler und regionaler Ebene durch Analysen, Transfer und Beratung. Wir erleichtern, initiieren und stützen Planungsprozesse und statten diese mit neuen Argumenten und Werkzeugen aus.